Weiterbildung für eine digitalisierte Arbeitswelt

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Bildung wirkt wie eine „Schutzimpfung“ am Arbeitsmarkt: Wer gut ausgebildet ist, ist seltener arbeitslos. Doch die Digitalisierung stellt uns vor neue Herausforderungen. Die Arbeitswelt entwickelt sich so dynamisch, dass wir uns auch später im Berufsleben noch weiterbilden oder neu orientieren müssen. Leichter gesagt als getan, denn für eine solche Weiterbildung braucht man Zeit, Geld und gute Bildungsangebote.

Was wir fordern

Damit sich ArbeitnehmerInnen für die Digitalisierung rüsten können, brauchen sie Unterstützung bei der Weiterbildung: Eine jährliche Weiterbildungswoche für alle und ein existenzsicherndes Qualifizierungsgeld für Zeiten längerer Aus- und Weiterbildungen.

Jobkiller Digitalisierung?

Die Befürchtung ist groß: Nehmen uns die Roboter die Jobs weg? Tatsächlich kommen vor allem Routinetätigkeiten immer weiter unter Druck – Aufgaben wie Buchhaltung, Datenkorrigieren oder Bedienen von Maschinen können recht einfach automatisiert werden. Viele andere Tätigkeiten brauchen allerdings nach wie vor das Know-how und die soziale Kompetenz von Menschen – ob bei Dienstleistungen, in der Pflege oder in komplexen technischen Berufen. Immer wichtiger werden hochqualifizierte und sehr spezialisierte Tätigkeiten.

Geht uns die Arbeit aus?

Prognosen über Arbeitsplatzverluste durch die Digitalisierung sind mit höchster Vorsicht zu genießen. Pessimistische Studien sehen viele Arbeitsplätze gefährdet. Andere sagen voraus, dass durch die Digitalisierung zwar einige Berufsgruppen verschwinden, dafür aber viele neue Wirtschaftszweige und Arbeitsplätze entstehen werden. Mehr dazu hier …

Warum wir gegensteuern müssen

Digitaler Wandel ist kein Naturgesetz. Er muss politisch gestaltet werden – und zwar so, dass auch die Beschäftigten etwas davon haben. Dafür brauchen die ArbeitnehmerInnen starke Interessenvertretungen wie AK, Gewerkschaften und Betriebsräte. Mit Sicherheit wissen wir nur: Arbeitsabläufe, Tätigkeiten und Jobprofile ändern sich, mitunter rasant. Es werden sich in den nächsten Jahren viele Jobs am Arbeitsmarkt verschieben. Derzeit bestehen zwei große Herausforderungen: 

  • Weiterbildung für gering Qualifizierte: 64% der Menschen mit maximal Pflichtschulabschluss waren 2016 von Arbeitslosigkeit betroffen. Bei Personen mit Lehrabschluss waren es nur mehr 23%. Damit diese Kluft nicht noch größer wird, brauchen vor allem geringqualifizierte ArbeitnehmerInnen bessere Chancen zur Weiterbildung.

  • Unsichere Arbeitsverhältnisse: Während es für Hochqualifizierte weiterhin gute Jobs gibt, werden die Arbeitsverhältnisse auf der anderen Seite immer unsicherer und schlechter bezahlt. Ältere und prekär Beschäftigte verlieren zunehmend den Anschluss.
Was wir fordern

Aus- und Weiterbildung wird für ArbeitnehmerInnen immer wichtiger. Darauf muss sich auch in die Arbeitsmarktpolitik einstellen und neue Möglichkeiten der Weiterbildung schaffen und finanzieren.


Unsere Antworten auf eine digitalisierte Arbeitswelt


1. Recht auf eine Woche bezahlte Weiterbildung
Jeder Arbeitnehmer und jede Arbeitnehmerin soll jährlich eine Arbeitswoche Zeit für Weiterbildung haben – bezahlt und mit Rechtsanspruch. Damit alle am Ball bleiben können und sich die Kluft zwischen Gutgebildeten mit vielen Chancen und geringer Qualifizierten nicht weiter vergrößert. Derzeit werden Frauen, Ältere und Niedrigqualifizierte bei betrieblicher Weiterbildung benachteiligt. Digitale Bildung darf nicht dazu führen, dass diese in die Freizeit der MitarbeiterInnen verlagert wird.

2. Qualifizierungsgeld
Bildungskarenz, Fachkräftestipendium und Co. ermöglichen aktuell zwar Weiterbildung für Berufstätige, doch diese Möglichkeiten sind nicht für alle zugänglich und unterfinanziert bzw. stehen auch derzeit politisch in Diskussion. Das größte Problem: Wie sollen sich ArbeitnehmerInnen eine Auszeit vom Beruf leisten, wie ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familie in Zeiten der Ausbildung finanzieren?

Wir schlagen deshalb vor anstelle des jetzigen Systems ein existenzsicherndes Qualifizierungsgeld einzuführen. Im Unterschied zu den bekannten Förderungen soll es für das Qualifizierungsgeld einen Rechtsanspruch geben, sodass ArbeitnehmerInnen eine Freistellung gegenüber ihrem Arbeitgeber durchsetzen können. Mehr zu unserem Konzept des Qualifizierungsgeldes .…

Das öffnet gerechtere Chancen für…

  • … niedrig und mittel Qualifizierte: Derzeit stehen besser Qualifizierten mehr Weiterbildungschancen offen als Personen mit geringer und mittlerer Qualifikation. Das Qualifizierungsgeld soll auch das Nachholen nicht-akademischer Ausbildungen erleichtern.

  • … Ältere: Ältere ArbeitnehmerInnen haben derzeit wenige Möglichkeiten, selbstgewählt eine neue Ausbildung zu beginnen. Das ist in Zeiten, in denen gerade die Arbeitslosigkeit der Generation 50 plus steigt, nicht der richtige Weg

  • … prekär Beschäftigte und Saisonkräfte: Instrumente wie Bildungskarenz und Bildungsteilzeit stehen vor allem jenen offen, die eine fixe Stelle haben – und nicht jenen, die öfter ihren Arbeitgeber wechseln, nur wenige Stunden angestellt oder scheinselbstständig sind.
WAS SOLL DAS KOSTEN?

Wir haben nachgerechnet: Das neue System würde netto in etwa gleich viel kosten wie das derzeitige, wenn die Zahl der Teilnehmenden gleich bleibt. Gäbe es für das neue, attraktivere Qualifizierungsgeld um ein Vielfaches mehr InteressentInnen (40.000 statt aktuell 15.000), würden dafür Nettokosten von 178 Millionen Euro anfallen – nicht viel für eine wirkungsvolle arbeitsmarktpolitische Maßnahme, die bessere Chancen für ArbeitnehmerInnen und Wirtschaft schafft. Wir müssen jetzt in die Zukunft investieren.

3. Betriebe müssen ihre Verantwortung ernstnehmen

Betriebe müssen in die Weiterbildung ihrer ArbeitnehmerInnen investieren. Das zahlt sich auch aus: Betriebe, die sich betriebliche Weiterbildung leisten, sind um 16% produktiver als Firmen, die nicht weiterbilden – für jeden Euro, den sie in Weiterbildung investieren, erhalten sie 4,50 Euro mehr an Gewinn zurück! (Gilt für einen durchschnittlichen Betrieb mit rund 50 MitarbeiterInnen.)


4. Digitale Kompetenzen in Schul-, Lehr- und Erwachsenenbildung stärken

Ob in der Schule, in der betrieblichen Weiterbildung oder beim AMS: Digitale Kompetenzen müssen stärker und breit vermittelt werden. Dazu soll auch die Berufs- und Bildungsberatung ausgebaut werden und auf die digitalisierte Arbeitswelt ausgerichtet sein.

5. Innovative Formen der Arbeitszeitverkürzung

Weil menschliche Arbeit in vielen Bereichen noch stärker automatisiert werden kann, brauchen wir kürzere Arbeitszeiten. Das schafft Arbeitsplätze und bringt ArbeitnehmerInnen eine dringend benötigte Entlastung.

6. Gewinne aus der Digitalisierung gerecht verteilen

Der Wohlstand, den die Automatisierung schafft, muss gerecht verteilt werden. Das heißt: Die großen Gewinne durch höhere Produktivität müssen in Form von höheren Löhnen und Gehältern auch  an die ArbeitnehmerInnen weitergegeben werden.


Was ist Ihre Meinung?

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf Ihr Arbeitsleben aus? Würden Sie sich gern weiterbilden – und unter welchen Bedingungen? Sagen Sie uns, was Sie von der Politik erwarten und was wir für Sie tun können!

Netiquette

Wir freuen uns über Ihre Meinungen, Ideen, Anliegen oder Erfahrungsberichte! Bitte pflegen Sie einen respektvollen Umgang. Wir löschen Inhalte, die verleumderisch, belästigend, bedrohend oder rechtswidrig sind.


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Ihr Kommentar

10 Kommentare
  1. Hansjörg Schmolengruber 05.04.2018 14:40:17
    Logik

    "Weil menschliche Arbeit in vielen Bereichen noch stärker automatisiert werden kann, brauchen wir kürzere Arbeitszeiten. Das schafft Arbeitsplätze und bringt ArbeitnehmerInnen eine dringend benötigte Entlastung."
    Ihr zäumt mit dieser Behauptung das Pferd von hinten auf!
    Die erste Forderung muss eine Umschichtung der Steuerbelastung der Arbeitnehmer auf andere Bereiche wie Verbrauchs- , Energiesteuern oder Maschinensteuern (Wertschöpfungsabgaben) sein, um unseren wertvollen Sozialstaat zu erhalten. Automatisierung, Digitalisierung, KI, Roboter kommen sicher in den nächsten paar Jahren. Nach Aussage eines VW-Vorstandes wird bis 2030 die Hälfte von 100.000 Beschäftigten durch Roboter ersetzt. Seine Aussage:"die Roboterstunde kostet 4,5 €, ein Facharbeiter 45€", klingt glaubwürdig. Durch den Einsatz von KI, Robotern und Industrie 4.0 machen auch die Einkünfte der Unternehmer einen riesigen Sprung und erst dann muss die Forderung nach ... weiterlesen

    Antworten
  2. Franz 21.03.2018 16:34:36
    Digitale Welt

    Ich finde ja, dass die Digitalisierung besorgniserregend ist. In China wird ein Überwachungsstaat aufgebaut, in den USA gab es massive Wahlbeeinflussung durch Aktivitäten von Camebridge Analytica basierend auf Facebookdaten... Da muss es uns in Europa gelingen, einen positiven Weg im Umgang mit den neuen Technologien zu finden, für die Menschen, nicht den Staat oder die Konzerne. Es geht ja bei der Digitalisierung um die Zukunft, unsere Zukunft. Ich hoffe, dass es uns gelingt die Innovationen für unser aller Wohl zu nutzen. Was bringt mir denn all das neue Zeug wenn ich dadurch immer weniger Rechte habe, als arbeitender Mensch, als Bürger???

    Antworten
    • Valentin von "Wie soll Arbeit?" 26.03.2018 17:51:47
      Digitalisierung gerecht gestalten

      Ja, die Digitalisierung schafft auch ganze neue Möglichkeiten der Überwachung. Die AK setzt sich dafür ein, dass unsere Rechte mit der rasanten technischen Entwicklung Schritt halten. Wir treten zB für hohe, international durchsetzbare Datenschutz-Standards ein. Etliche konkrete Vorschläge findest du in unserer Broschüre „Wie gestalten wir den digitalen Wandel gerecht?“ (Kapitel 5): https://media.arbeiterkammer.at/wien/PDF/studien/Studie_DigitalerWandel_072016.pdf

  3. susi82 21.03.2018 10:00:05
    digitalisierung

    Die Arbeit wird uns wegen der Digitalisierung nicht ausgehen. Aber es kann nicht jeder Datenanalyst werden. Die Frage ist, wie die Menschen mit den ganzen Änderungen mitkommen sollen, die jetzt im Beruf verlangt werden.

    Antworten
    • Valentin von "Wie soll Arbeit?" 26.03.2018 17:48:33
      Stimmt

      Es ist ziemlich schwierig, mit all den Änderungen Schritt zu halten. Von den ArbeitnehmerInnen wird verlangt, dass sie ständig dazulernen und auf dem Laufenden bleiben – aber wie und wann sollen sie das tun?

      AK und ÖGB fordern deshalb ein Recht auf eine Woche bezahlter Weiterbildung pro Jahr, um beruflich am Ball bleiben zu können. Außerdem treten wir für einen Rechtsanspruch auf ein Qualifizierungsgeld ein, um Weiterbildungs-Auszeiten vom Beruf zu ermöglichen.

  4. Philip 19.03.2018 15:52:40
    Arbeitszeit verkürzen

    Eigentlich ist ja ein Segen, wenn uns Maschinen manch mühselige Arbeit abnehmen können. Nur müssen wir auch richtig darauf reagieren: Qualifizierung ist die eine Sache. Gleichzeitig kommen wir nicht ohne eine dramatische Verkürzung der Arbeitszeit aus. In den letzten 100 Jahren wurden wir durch technischen und sozialen Fortschritt immer produktiver. Der Anteil der Beschäftigten blieb dabei ungefähr gleich. Die geleisteten Arbeitsstunden halbierten sich in der gleichen Zeit. Ohne Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich wird es auch in Zukunft nicht gehen.

    Antworten
    • Valentin von "Wie soll Arbeit?" 26.03.2018 17:45:25
      Ja, technischer Fortschritt muss auch den Beschäftigten zu Gute kommen

      Du sprichst einen wichtigen Punkt an: Der enorme technische Fortschritt kann ein Segen sein, wenn er nicht nur zu Rekordprofiten für die Unternehmen führt, sondern auch den ArbeitnehmerInnen zu Gute kommt. Das betrifft auch die Arbeitszeit.

      AK und ÖGB treten einerseits für „kleine“ Maßnahmen ein, wie einen leichteren Zugang zur sechsten Urlaubswoche, andererseits auch für eine generelle Verkürzung der Arbeitszeit.

  5. Elke 19.03.2018 11:18:50
    Weiterbildung und Digitalisierung

    Mein Nachbar kontrolliert Parkpickerl, mittlerweile digital indem er die Kennzeichen einscannt. Das ist praktisch aber/und verbirgt viele Herausforderungen. Unter anderem ändern sich diese Geräte ständig und es reicht nicht mehr aus einmal gelernt zu haben wie man das macht. Wir müssen uns regelmäßig weiterbilden um da mitzuhalten. Doch wann bitte soll ich die Zeit zum Weiterbilden finden, neben meinen Kindern, meiner Arbeit, meinen eigenen Eltern uvm, da braucht es neue Ideen und eigene Zeit für Weiterbildung, damit sich das ausgeht.

    Antworten
    • Valentin von "Wie soll Arbeit?" 26.03.2018 17:41:55
      Da gebe ich dir Recht

      Die Digitalisierung und der technische Fortschritt verlangen den ArbeitnehmerInnen einiges ab. Das kostet Zeit – und die fehlt den meisten Menschen in ihrem Alltag, denn Verpflichtungen haben sie schon genug. AK und ÖGB fordern deshalb ein Recht auf eine Woche bezahlter Weiterbildung pro Jahr, um beruflich am Ball bleiben zu können. Außerdem treten wir für einen Rechtsanspruch auf ein Qualifizierungsgeld ein, um Weiterbildungs-Auszeiten vom Beruf zu ermöglichen.

      Je mehr Menschen bei „Wie soll Arbeit?“ mitmachen und uns in diesen Forderungen unterstützen, desto gestärkter können wir politisch für sie eintreten. Wir würden uns deshalb freuen, wenn du diese Website in Familie und Freundeskreis weiterempfiehlst!

  6. Lisa E. 19.03.2018 11:14:41
    Robotersteuer muss her

    ...angesichts der Digitalisierung gibt es in Zukunft wahrscheinlich immer weniger Jobs, das macht es aber schwierig unseren Sozialstaat weiter zu finanzieren. Ich fände daher eine Robotersteuer sehr sinnvoll!!

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